Ladenhüter trotz Immobilienboom – Die Tücken beim Hausverkauf

Von wegen Betongold: Wer sein Eigenheim verkaufen will, bekommt oft nicht den Preis, den er für angebracht hält. FOCUS Online erklärt, woran das liegen kann und wie Sie den Käufern höhere Gebote entlocken.
Erben kann Segen und Fluch zugleich sein. Als Sven Mezger* kürzlich die Nachricht erhielt, dass sein verstorbener Onkel ihm und seinem Bruder ein Haus zugedacht hatte, war die Freude zunächst groß. Inzwischen – etwa ein dreiviertel Jahr später – sind die Brüder froh, endlich einen Käufer für das gute Stück gefunden zu haben. „Das Haus liegt in einer Neubausiedlung in Aurich“, erzählt der 39-jährige Kölner. Der Onkel hatte das frei stehende, etwa 170 Quadratmeter große Haus mit großem Garten vor etwa 15 Jahren für 530 000 Mark gekauft. „Davon ausgehend wollten wir ursprünglich 265 000 Euro für das Objekt haben“, erinnert sich Mezger.

Die Nachfrage war groß – doch die Angebote lagen weit unter dem aufgerufenen Preis. Schließlich standen 200 000 Euro als Kaufpreis im Notarvertrag – ein Viertel weniger als erhofft. „Dennoch gut, dass wir es los sind“, sagt der Arzt. Denn allmählich wurden ihm die Kosten für das Erbe – Instandhaltung, Grundsteuer, Fahrten in den Norden – lästig. Zudem scheuten die Brüder das Risiko des weiteren Verfalls und Wertverlusts.

Auch für Doris Fischer* entpuppte sich der Verkauf ihres Reihenhauses nicht als der erhoffte Goldesel. Die 67-jährige Pensionärin hatte ihrer Heimatstadt Neuss den Rücken gekehrt und zog gemeinsam mit der Familie ihres Sohnes in ein Mehrfamilienhaus in die Nähe von Köln. 33 Jahre lang hatte die ehemalige Lehrerin ihr Häuschen in Schuss gehalten. Noch vor etwa zwei Jahren ließ sie den Keller fliesen, den Vorgarten neu anlegen und eine elektrische Markise installieren. Bäder und Küche entsprachen indes noch immer dem Schick der späten 70er -Jahre, in denen das Haus gebaut wurde. „Dass ich nicht alles bekommen würde, was ich über die Jahre in das Häuschen gesteckt habe, war mir klar“, sagt sie. Dennoch musste sie schlucken, als der Makler mit den ersten Interessenten verhandelte.

Für die potenziellen Käufer waren die zusätzlichen Ausstattungs-Accessoires völlig uninteressant. Im Gegenteil: Jeder zog im Kopf die Kosten vom Angebot ab, die die Badsanierung und neue Fußböden mit sich bringen würden. Das Haus, das Fischer einst für 360 000 Mark erstanden hatte, wurde sie jetzt nur noch für rund 165 000 Euro los. Zwar hatte die Besitzerin auf rund 200 000 Euro gehofft, doch sie tröstet sich: „Ich hatte schöne Jahre in Neuss und durch den Verkauf ja dennoch ein stolzes Polster, mit dem ich in den neuen Lebensabschnitt starte.“

Rückzug vom Land

So wie Mezger oder Fischer geht es derzeit vielen Immobilienverkäufern. In Zeiten, da allerorten vom Immobilienboom gesprochen und geschrieben wird, rechnen sie insgeheim mit einem Geldregen. Doch wer tatsächlich den Verkauf eines Altbaus in Angriff nimmt, muss oft frustriert feststellen, dass die Interessenten keineswegs bereit sind, auch nur annähernd den geforderten Preis zu zahlen. Wunsch- und Marktpreis fallen zum Teil weit auseinander – vor allem abseits der Toplagen.

„Ich muss meinen Kunden regelmäßig erstmal den Zahn ziehen, dass sie für ihr geliebtes Häuschen auf dem Lande keine Traumpreise bekommen“, erzählt Raphael Spieker, Immobilienmakler aus Dortmund. „Den Boom mit stattlichen Teuerungsraten für Haus oder Wohnung gibt es vor allem in den gefragten Lagen in Metropolen wie Hamburg, Berlin, Frankfurt, München oder Düsseldorf“, weiß Günter Vornholz, Professor für Immobilienwirtschaft an der EBZ Business School in Bochum. Auf dem Land dagegen und auch in manchen Speckgürteln stagnieren die Preise – oder sind sogar rückläufig. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat herausgefunden, dass in knapp einem Drittel aller deutschen Regionen die Haushaltszahlen schrumpfen – damit schwindet dann auch die Nachfrage nach Wohnimmobilien. Betroffen sind etwa Regionen in Ostdeutschland, im Harz oder im nördlichen Ruhrgebiet. „Landstriche mit schwacher Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit wollen die Leute eher verlassen als sich dort anzusiedeln – das schlägt auf die Grundstückspreise durch“, bestätigt Ökonom Vornholz.

Neben einem großräumigen Preisgefälle vom Süden über den Westen der Republik nach Norden und Osten ist auch ein deutliches Preisgefälle zwischen den Städten und den ländlichen Kreisen erkennbar, heißt es in der BSSR-Analyse weiter. „Wir beobachten seit längerem einen zunehmenden Rückzug in die Stadt“, sagt auch Vornholz. Der steigende Spritpreis ist für viele Arbeitnehmer ein zusätzliches Argument, zumindest in der Nähe einer S-Bahn wohnen zu wollen.

Realistisch bleiben

Doch allzu schwarz sehen müssen Immobilienbesitzer deshalb noch nicht. „Insgesamt herrscht in Deutschland eine recht stabile Immobiliennachfrage“, findet Jürgen Michael Schick, Vizepräsident des Immobilienverbands Deutschland (IVD). Wer seine Immobilie instand hält und mit realistischen Vorstellungen in den Verkauf startet, kann auch vernünftige Preise erzielen.

*Namen von der Redaktion geändert.
 
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